Der göttliche Funke.

Eine Novellette von Paul Bliß.
in: „Leipziger Tageblatt und Anzeiger” vom 30.06.1908


Eines Tages sagte Fräulein Kathi Wallburg zu dem alten Herrn Bergemann: „Hören Sie, lieber Geheimrat, Sie müssen mir einen Gefallen erweisen!”

„Wenn ich's kann, gern,” antwortete lächelnd der alte Herr, „nur fürchte ich, daß Sie wieder eine ganz ausgefallene Sache verlangen werden, Sie kleiner Kobold!”

Das Fräulein verneinte mit einem kokett graziösen Lächeln, das alle ihre herrlichen Zähne zeigte, und zwei entzückende Grübchen auf ihre Wangen zauberte.

„Diesmal ist's was ganz Alltägliches,” meinte sie kopfnickend.

„Also?”

„Also — Sie müssen bei Ihrer nächsten Gesellschaft den jungen Sernau einladen.”

Der alte Herr sah sie erstaunt an. Endlich fragte er: „Sie meinen den jungen Karl Sernau?”

Lächelnd nickte sie. „Den Schriftsteller, jawohl, den Mann mit der Denkerstirn und dem ewig finsteren Gesicht, den sogenannten einsamen Mann, ganz recht, den meine ich!”

„Weshalb?” fragte der alte Herr etwas kurz.

„Weil ich ihn kennen lernen will, liebster Freund, weil der Mann, der so ganz anders ist wie die anderen, mich interessiert, — allein nur deshalb!” Lächelnd sah sie den alten Herrn an.

Dieser aber blieb ernst und schüttelte den Kopf.

„Liebes Kind,” sagte er ruhig, „dieser Mann ist zum Spielzeug zu schade.”

„Aber, Alterchen, ich bitte Sie!”

„Nein, nein, es ist mein Ernst! Wenn die vielen Anbeter, die schon an Ihrem Triumphwagen ziehen, Sie wieder mal langweilen, dann suchen Sie sich nur einen anderen aus, an dem Sie jetzt Ihre Laune kühlen können, der arme Kerl, der Sernau, ist wirklich nicht der Mann dasür.”

Nun wurde auch sie ernster. „Ich verspreche Ihnen hoch und teuer, daß ich keinen Augenblick daran denken werde, dem jungen Mann den Kopf zu verdrehen-”

„Was also wollen Sie von ihm?”

„Nun, — ich — möchte ihn eben kennen lernen.”

Wieder schüttelte der Alte den Kopf, schwieg einen Augenblick und fragte dann: „Kennen Sie denn seine Geschichte?”

„Ich habe so etwas gehört; — unglückliche Liebe, nicht wahr?”

Der Alte nickte und machte ein betrübtes Gesicht. „Ein Jahr ist's gerade her, daß sie ihn verlassen hat. Und seitdem hat man nichts mehr gelesen von ihm. Er scheint alle Lust und Kraft zur Arbeit verloren zu haben. Und ein so talentvoller Kerl, — schade, ewig schade um ihn!”

„Also laden Sie ihn ein?”

„Wenn Sie trotz alledem darauf bestehen —”

„Wissen Sie, lieber Freund, ich will ihn kennen lernen, weil ich einen literarischen Beistand brauche, einen guten, ehrlichen Freund, mit dem ich über die Auffassung meiner Rollen sprechen kann, — deshalb allein.”

„Also gut, ich will ihn bitten.”

Als Karl Sernau am nächsten Tage den Brief des alten Herrn bekam, lächelte er wehmütig und dachte: weshalb so viele Worte? Was mag er von mir wollen? — Am liebsten hätte er auch hier abgelehnt, wie er das nun schon seit einem Jahr bei allen anderen tat, diesmal schien es ihm doch zu unhöflich, denn der Brief war gar zu herzlich und lieb gehalten. Er nahm also an.

Fünf Tage später war die Geselschaft.

Als Karl kam, fand er bereits ein volles Haus. Sie kannten ihn alle und deshalb wurde er überaus herzlich bewillkommnet. Er dankte allen, sprach hier und da ein paar scherzhafte Worte zu den Damen und zu den bekannten Herren ein paar derbe Witze, die seine wahre innere Empfindung verbergen sollten, immer aber blieb das wehmütige Lächeln und der herbe Zug im Gesicht sitzen.

Dann kam der Geheimrat und stellte ihn dem Fräuleon vor.

Sie sahen sich beide einen Augenblick wortlos an.

„ich habe viel von Ihnen gelesen,” sagte sie endlich mit tiefer, leise erzitternder Stimme.

Er nickte, sah sie wieder fragend an und meinte dann mit einem Ton, der freundlich sein sollte, aber zu hart klang: „Hoffentlich haben Sie keine zu schlechte Meinung von mir!”

Jetzt spielze sie die Dame der Gesellschaft und entgegnete mit dem reizvollsten Lächeln: „Ihre Sachen haben mir sehr gefallen.”

Lächelnd nickte er nur, und sein Gesichtsausdruck wollte sagen: die Phrase kenne ich zur Genüge!

Sie verstand ihn wohl, ging aber nicht darauf ein, sondern fragte ganz harmlos: „Aber ich habe lange nichts mehr gefunden von Ihnen, — Sie arbeiten wohl an einem größeren Werke?”

Er nickte und sagte ein kurzes: „Ja.”

Dann kurzes Schweigen.

Endlich begann er wieder: „Uebrigens muß ich Ihnen sagen, daß, wenn Sie fortfahren, Ihr schönes Talent an solchen läppischen Rollen zu verzetteln, daß Sie dann bald abgewirtschaftet haben werden.”

Sie antwortete ein wenig erstaunt: „Ich muß spielen, was ich bekomme.”

„Unsinn!” sagte er schroff. „Sie müssen große Partien bekommen. Sie müssen Menschen auf die Bühne bringen, nicht ewig diese modernen Lustspielpuppen, die durch und durch verlogen sind. Aber freilich, dann haben Sie ja keine Gelegenheit, Ihre neuesten Pariser Kostüme und Ihre Brillanten zu zeigen!”

Jetzt lachte sie auf: „Offen sind Sie, das ist wahr!”

Fast erschrak er, daß er sich so vergessen hatte. Aber das kommt davon, wenn man sich ein Jahr einschließt.

„Entschuldigen Sie,” sagte er, „ich war zu schroff.”

Sie aber entgegnete lächelnd: „Aber nein, ich danke Ihnen dafür. Man findet ja in der Gesellschaft so wenig Menschen, die einem die Wahrheit sagen.”

Mit leisem Erstaunen sah er sie an. er wußte nicht, — sollte das Koketterie oder Wahrheit sein?

„Und da wir gerade bei dem Thema sind,” sprach sie lächelnd weiter, „will ich Ihnen auch ein offenes Geständnis ablegen. Ich selbst habe mich schon oft danach gesehnt, was wirklich Großes zu spielen, aber ich habe mich noch nie herangewagt.”

„Warum denn nicht?”

„Weil ich keinen Menschen habe, mit dem ich darüber sprechen kann, keinen, der mir sagt, so ist's gut und so ist's schlecht. Sie verstehen, — keinen, der mich lehrte, wie ich's anfassen soll.”

„Lernen kann man so etwas nicht,” sagte er ernst, „entweder man hat das Zeug dazu, oder man hat es nicht.”

Sie nickte. „Ganz recht, aber man muß doch jemand haben, mit dem man darüber sprechen kann.”

„Und den hätten Sie nicht?”

Sie verneinte, fragte aber gleich darauf: „Wenn es nicht zu unbescheiden ist, daß ich Sie ab und zu mal um Rat fragen könnte?”

„Mich?” Er starrte sie an mit durchbohrendem Blick.

„Nur manchmal, wenn ich mir gar keinen Rat weiß,” bat sie mit lieblichem Lächeln.

„Ich bin ein schlechter Ratgeber,” sagte er ziemlich kühl.

„Das gerade Gegenteil glaube ich!” antwortete sie bestimmt. „Und wenn Sie von meinem Talent wirklich etwas halten, dann werden Sie mir keinen Korb geben.”

Er zuckte die Schultern: „Ich weiß nicht, weshalb Sie gerade mich —”

In diesem Augenblick kam der Geheimrat und bat die Herrschaften zu Tisch.

Karl führte das Fräulein zur Tafel. Und während des Essens wurde die Unterhaltug weiter geführt. Je länger sie aber nebeneinander saßen, desto mehr schwand seine Zurückhaltung, und als man beim Champagner war, hatte sie seine bestimmte Zusage erhalten.

Als er spät nachts nach Hause kam, hatte er das Gefühl, als ob etwas ganz Neues, Unbekanntes da wäre, das er zwar erst tastend vorahnte, das aber da war, das er trotz alledem fühlte und empfand, und das ihm vorkam wie ein erster kleiner Sonnenstrahl nach langen grauen Regentagen.

Drei Tage später.

Er war bei ihr gewesen, nahezu zwei Stunden lang. Mit leisem Widerstreben war er hingegangen. Als er aber in ihrem traulichen Boudoir saß, den würzigen Mokka trank und die Aegypter dampfte, war die Beklemmung von ihm gewichen, und er fühlte sich wohler denn je.

Zuerst hatten sie vom Theater gesprochen. Sie wollte das widerspenstige Käthchen studieren. Dann aber führte sie die Unterhaltung auf ein anderes Gebiet, und das geschah mit solcher Eleganz und Weltfröhlichkeit, daß er ihr willenlos folgen mußte. Als er dann endlich aufbrach, mußte er versprechen, in drei Tagen wiederzukommen. Bis dahin wollte sie die Rolle gelernt und seine Winke beherzigt haben.

Und nun saß er daheim und wußte nicht, was mit ihm vorgegangen war. Alles in ihm war in Aufruhr. Gefühle, die er totgeglaubt, waren erwacht und durchwühlten nun sein Inneres, so daß er zu keinem klaren Denken kam. Das ist ja Unsinn! sagte er sich, du gehst einfach nicht wieder hin, dann wird alles vergessen sein.

Als aber drei Tage herum waren, dachte er anders und ging doch wieder hin, ja, er fand allerlei Gründe, um sich vor sich selber zu entschuldigen, und als er endlich vor ihrer Tür stand, kam es wie eine heimliche Fröhlichkeit über ihn, und sogar der herbe Zug verschwand aus dem Gesicht.

Vier Wochen ging das so fort. Zwei-, auch dreimal in der Woche war er bei ihr. Sie machte glänzende Fortschritte, denn sie war wirklich begabt, und er erwies sich als vortrefflicher Ratgeber.

Sie waren gute, offenherzige Freunde geworden. Er hatte an ihrer Hand den Weg zum Leben, zum Frohsinn wiedergefunden, und er hatte auch wieder Anregung zur Arbeit bekommen, kurzum: er lebte auf und wurde ein anderer. Die Vergangenheit war tot und ein neues, sonnenhelles Leben lag vor ihm.

Und sie gefiel sich noch immer in der Rolle. Sie war ihm wirklich eine liebevolle Freundin, die ihn dem Leben zurückgewinnen wollte.

Kein Wort von Liebe war gesprochen worden. Mit echt weiblichem Instinkt wich sie jedem solchen Worte aus, und sobald er nur einen leisen Versuch dazu machte, gleich ging sie mit Lachen und Scherzen zu einem anderen Thema über.

Oft starrte er sie dann sprachlos an und dachte: sie ist doch nur eine kalte Schönheit, sie hat kein Herz im Leibe. Trotzdem aber wagte er es nicht, abzubrechen und nicht wiederzukommen.

Sie hatte das Käthchen gespielt und einen stürmischen Erfolg gehabt. Von allen Seiten wurde ihr nun die glänzendste Zukunft prophezeit.

Lächelnd saß er in seiner Loge und sah dem Jubel zu. Er wußte ja, daß es so kommen mußte, mit Stolz hatte er es ja vorausgesehen. Nun saß er da voll stiller Freude über das glänzende Gelingen. Er hörte nichts von all dem Beifall ringsum, nur immer sie dah er allein, sie im Strahlenkranze ihrer Schönheit, sie, nur sie allein.

Nach dem letzten Akte ging er in ihre Garderobe.

Wohl fünf, sechs Herren der Gesellschaft harrten bereits auf dem kleinen Vorflur, keinem war der Eintritt gestattet worden. Er nur allein wurde eingelassen.

„Ich danke Ihnen, lieber Freund!” rief sie, ihm entgegeneilend. „Sie allein haben mich ja dazu gemacht!” Ergriffen drückte sie seine Hände.

Und er starrte sie an mit großen glänzenden Augen und preßte ihre Händchen in den seinen, und ohne ein Wort riß er sie plötzlich an sich und preßte sie an sich und küßte sie voll wilder, lodernder Liebe.

Atemlos, zitternd vor Angst und Erregung, ließ sie es geschehen. Sie wollte zurück, wollte ihm ein gebietendes Wort zurufen, denn sie sträubte sich dagegen, so überrumpelt zu werden, — aber umsonst, nichts konnte sie tun, ihm Einhalt zu gebieten, — sie fühlte plötzlich, daß es etwas gab, dem sie sich beugen mußte, eine Kraft, die sie unterjocht hatte, — sie fühlte, daß es kein Zurück mehr gab, — sie hatte den Mann gefunden, der sie in seinen Bann zwang. — Er wollte und sie mußte gehorchen.

Willenlos lag sie in seinen Armen und ließ sich herzen und küssen und freute sich, daß er es verstanden, den göttlichen Funken, das Weib in ihr zu wecken.

So wurde sie seine Frau.

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